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822.8 S53

37

$35

1905

Stack's
Corn

Mererance thinkiday Price
(Getate)
11-30-05
537638-2971

Vorwort.

Das vorliegende Stück erschien nicht früher im Druck, als in der ersten Gesamtausgabe der Shakespeareschen Dramen, der Folio von 1623, also erst sieben Jahre nach dem Tode des Dichters. Über die Zeit seiner Abfassung gingen die Ansichten ehemals sehr auseinander. Einige glaubten es in dieselbe Periode setzen zu müssen, in welcher die übrigen Römerdramen Shakespeares entstanden; namentlich dachte man es sich in unmittelbarem Zusammenhange mit Antony and Cleopatra geschrieben, welches gleichsam seine Fortsetzung zu sein schien, und welches man gute Gründe hatte in das Jahr 1608 zu setzen. Dagegen machten andere darauf aufmerksam, daß das Stück nach Sprache und Versbehandlung in die mittlere Periode des Dichters gehöre, in die Zeit etwa zwischen Heinrich IV. und Hamlet, oder zwischen Hamlet und Lear. Tatsächliche Beweise, die man in jüngster Zeit aufgefunden, haben den letzteren recht gegeben. Der schlagendste ist eine deutliche Anspielung auf das Stück in dem 1601 erschienenen Werke von Weever: Mirror of Martyrs. Es heißt dort:

The many-headed multitude were drawn

By Brutus' speech, that Caesar was ambitious;
When eloquent Mark Antony had shown

His virtues, who but Brutus then was vicious?

In der ganzen englischen und außerenglischen Literatur gibt es nichts, worauf dies gehen könnte, als die zweite

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Szene des dritten Akts des Shakespeareschen Julius Caesar. Daß Brutus, und nicht bloß Antonius, beim Leichenbegängnis Caesars spricht, ist eine unhistorische Erfindung des Dichters, und ambitious ist in seiner Rede das Wort, welches Antonius immer von neuem anführt und betont. Da nun auf der andern Seite eine Schrift aus dem Jahre 1598 (Francis Meres' Palladis Tamia), welche Shakespeares Werke aufzählt, den Julius Caesar noch nicht nennt, während sie seine im Vergleich damit so unbedeutenden Jugend-Dramen namhaft macht, so kann kein Zweifel aufkommen, daß seine Abfassungszeit in den Jahren zwischen 1598 und 1601 zu suchen ist.

Den Stoff schöpfte Shakespeare für diese, wie für alle seine Römer-Tragödien, aus Thomas Norths englischer Übersetzung der Lebensbeschreibungen Plutarchs, welche zuerst 1579 und in zweiter Auflage 1595 unter dem Titel erschien: The Lives of the noble Grecians and Romanes, compared together by that grave learned Philosopher and Historiographer, Plutarke of Chaeronea: translated out of Greeke into French by James Amiot, Abbot of Bellozane, Bishop of Auxerre, one of the Kings privie counsell, and great Amner of France, and out of French into English, by Thomas North.

Die Plutarchsche Darstellung der betr. historischen Ereignisse ist in alle populären Geschichtsbücher übergegangen, und es bedarf darum keiner auszüglichen Mitteilung derselben. Wie groß der Eindruck war, den sie auf Shakespeare machte, geht am deutlichsten daraus hervor, daß der Dichter sich seinem Gewährsmann aufs treuste anschloß, soweit nicht Bühnen-Rücksichten eine andre Gruppierung der Begebenheiten bedingten, und kein Bedenken trug, auch ganze Reden aus Plutarch in seine Dramen hinüberzunehmen*). Ein englischer Kritiker

*) Dazu gehören aber nicht die berühmten Reden des Brutus und Antonius Akt 3 Szene 2.

(Trench, Lectures on Plutarch) macht auf den Unterschied im Verhältnis Shakespeares zu seinen übrigen Quellen und zu Plutarch aufmerksam. Während Shakespeare sonst nicht nur mit den von ihm benutzten NovellenStoffen, sondern auch mit Sujets, die er für historisch halten mußte, wie Hamlet, Macbeth und Lear, frei schaltete, sie mit eigenen Erfindungen durchwebte, und Tatsachen und Charaktere ganz nach Bedürfnis umbildete, verzichtete er fast durchweg darauf, der Erzählung des Plutarch, dieses biographischen Shakespeare der Weltgeschichte, wie Jean Paul ihn genannt hat, etwas hinzuzutun, was ihr höheren Reiz und tiefere Bedeutung geben konnte.

Dies Verhältnis macht sich nirgends bemerklicher als gerade im Julius Caesar. Es war darum eine ebenso unnötige wie undankbare Mühe, anderwärts Vorbilder für das Stück zu suchen. Allerdings schien in Shakespeares eigenen Worten III, 2, 111:

How many ages hence

Shall this our lofty scene be acted over

In states unborn and accents yet unknown!

ein Hinweis darauf zu liegen, daß Caesars Tod ein sehr oft bearbeiteter tragischer Stoff gewesen. Aber es ist nicht gelungen, ein älteres englisches Stück desselben Sujets zu ermitteln. Dagegen haben sich Spuren gefunden, daß vor Shakespeares Zeit lateinische Dramen, deren Titelheld Caesar war, an den englischen Universitäten aufgeführt worden. Die Tatsache muß auch unserm Dichter nicht unbekannt gewesen sein, denn im Hamlet läßt er Polonius davon erzählen, wie er als Student den Caesar gespielt habe und von Brutus ums Leben gebracht worden sei. Schwerlich aber hat Sh. sich zur Benutzung für seine eigene Arbeit um solche Schul-Übungen bemüht, wenn man auch zugeben darf, daß die Worte Et tu Brute (III, 1, 77), welche sich bei keinem altklassischen Schrift

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steller in dieser Form nachweisen lassen, von dort her ins Publikum gedrungen und zur sprichwörtlichen Redensart geworden sein mögen.

Was die Text-Erklärung betrifft, so sind die in der Vorrede zum Coriolan vorgezeichneten Grundsätze auch hier maßgebend gewesen, d. h. die Bekanntschaft mit dem heutigen Englisch wird, als zur Lektüre Shakespeares unerläßlich, vorausgesetzt, und die sprachlichen Erläuterungen beschränken sich auf die Eigenheiten des älteren Idioms. Wäre es dem Herausgeber dabei nur um Beseitigung von Schwierigkeiten zu tun. gewesen, so hätte er die Form der apodiktischen Behauptung, die man hier und da als die der Schule angemessenere bezeichnet, vorgezogen; da es ihm aber auf Bildung des Urteils und auf ein in sich begründetes und darum fruchtbares Wissen ankam, so hielt er es für geboten, stets mit Beweisen zu sprechen. Aus demselben Grunde hat er auch Fragen der Textkritik nicht aus dem Wege gehen mögen, so froh er auch ist, daß in dem vorliegenden, wie in allen Stücken, für welche die Herausgeber eigene Handschriften und nicht die korrumpierten Quartos als Druckvorlagen benutzten, der Foliotext sehr wenig entschiedene Fehler enthält.

Die Form des Foliotextes ist, abgesehen von der veralteten Orthographie, möglichst genau, selbst in den Bühnenweisungen, beibehalten worden; bei der in der Folio fehlenden Einteilung der Akte in Szenen mußte, um des gleichmäßigen Zitierens willen, die Globe-Edition zu Grunde gelegt werden, auch da wo sie (IV, 2 u. 3) entschieden fehlerhaft ist.

Inkonsequenzen und Versehen der Folio in der Namenschreibung sind korrigiert, wo sie handgreiflich nicht dem Dichter, sondern dem Drucker zur Last fielen. Formen wie Octavio, Antonio, Flavio, wie sie sich neben Octavius,

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