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Die Verwandtschaftsverhältnisse des Pasto:

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zugleich eine Kritik von Raverty'a Grammur of thc Pusltiö und von lieUcios Qrammar of tlic Pukkhtö Lavguagc,

von

Dr. E. Trumpp.
(Bd. XXI, S. 10 ff.)

II. Theil.

Das Verbum.

Ehe wir auf den Gegenstand unserer Untsrsuchung eingehen, haben wir zuvor einiges auf den I. Theil dieser Untersuchungen bezügliche nachzuholen. Ich bin nämlich nach dem Erscheinen der ersten Abhandlung über die Verwandtschafts-Verhältnisse des Pastö auf Dr. Doms „grammatische Bemerkungen über das Puschtu" aufmerksam gemacht worden, die ich bisher noch nicht gekannt und ebendarum auch nicht berührt hatte. Ich habe diese grammatischen Bemerkungen mit viel Interesse gelesen und sie immer noch des Studiums werth befunden; sie legen ein glänzendes Zeugniss für den Flciss und den Scharfsinn ihres Verfassers ab. Im Ganzen sind diese grammatischen Bemerkungen jetzt freilich weit überholt, aber mau kann doch daraus sehen, wie ein Gelehrter mit geringen Hilfsmitteln ein ziemlich getreues Bild einer Sprache entwerfen kann. Es bat sich mir dabei jedoch wieder aufs neue die Ueberzeugung aufgedrungen, dass Niemand, der nicht das Pastö mit seinen eigenen Ohren gehört hat, dasselbe richtig in seinen Lautverhältnissen noch in seiner grammatischen Flexion durchschauen und beschreiben kann. Eine genaue Transcription in römischen Lettern ist daher zur richtigen Auffassung dieser keineswegs leichten Sprache unumgänglich nothwendig, da die angewandten arabischen Schriftzeichen die Pastö Laute nicht vollständig decken. Wir haben aus der erwähnten Abhandlung Dr. Dorn's ferner ersehen, dass er auf die Verwandtschaft des Pastö mit dem Hindüstänl hinweist, indem ihm die Aehnlichkcit der Deklinationsverhältnisse des Pastö mit denen des HindüstänT anfgcfallen ist. Aber diese Aehnlichkcit ist doch nur eine mittelbare. Denn mit dem HindüstänT selbst (das er offenBd XXIII. 1

bar nicht näher gekannt hat) hat das Pastö keine nähere Berührung, wohl aber mit dem SindhI und Panjäbl. Das SindhT und HindüstänT sind zwar wohl verwandte, aber doch was die grammatische Flexion betrifft, sehr verschiedene Sprachen. Seine weitere Bemerkung, dass das Pastö in der Conjugation sich mehr nach dem Persischen, wenngleich nicht mit Ausschliessung des Indischen, gestalte, wird die folgende Untersuchung widerlegen. Es ist richtig, dass auch in der Conjugation sich wichtige und auffallende Berührungen mit dem Persischen finden; aber aus dem Persischen selbst Hesse sich die pastö Conjugation schlechterdings nicht begreifen; das, was ihr ihren eigentlichen Stempel, im Gegensatz zum Persischen, aufdrückt, ist nur aus dem SindhT zu belegen und richtig zu erklären, und weil dies bis jetzt nicht beachtet worden ist, ist bisher die pastö Conjugation von allen ihren Beschreibern so fehlerhaft und mangelhaft aufgefasst worden. Auch in Betreff der Pastö Conjugation halten wir unsern früheren Satz „dass das Pastö eine uralte selbständige Sprache ist, welche an den Eigenthümlichkeiten beider Sprachsippen theilnimmt, jedoch mit vorwiegend indischem Gepräge, immernoch fest und werden ihn in der nachfolgenden Untersuchung weiter zu begründen suchen. Die Bemerkung Dr. Dorn's, dass das Pastö, wie es jetzt gesprochen und geschrieben werde, nicht jene alte Sprache sei, deren sich die Afghanen vor ihrer Bekehrung zum Islam bedienten, sondern dass sie durch den Einfluss des Islam umgebildet worden sei, ist eine Hypothese, die jetzt wohl keiner Widerlegung mehr bedarf, weil sie absolut auf keine Thatsachen sich stützen kann.

Auf die Einzelnheiten in Dr. Dorn's „grammatischen Bemerkungen" cinzugehn, wäre jetzt so ziemlich überflüssig; die vielen Belege aus Pastö Autoren jedoch, die er seinen grammatischen Bemerkungen beigegeben hat, sind immer noch des Studiums wcrlh, zumal da sie von einer für die damaligen Verhältnisse ziemlich correcten deutschen Ucbersetzuug begleitet sind. Sie muss jedoch mit Vorsicht gebraucht werden, da sie nicht immer zutreffend ist; manchmal ist sogar das gerade Gegentheil von dem gegeben, was das Pastö Citat aussagt. Wir wollen hier nur einzelne wenige Punkte ausheben, da es uns zu weit führen würde, jedes einzelne Citat. durchzugehen. So übersetzt er z. B.') S. »0.

N_ii *_» ^Ol (__§.> j-Ol **S> ,«j

1) Der Deutlichkeit wegen geben wir in ilen Pastfi Citatcn die gewöhnliche Schreit.weise; sie variiit allerdings sehr hei den einzelnen Schriftstellern, da noch keine allgemein unerkannte Orthographie im 1'O.Stö besteht; gute Handschriften jedoch stimmen so ziemlich übereilt.

„Wenn <ln den höchsten Grad wünschest, so verliebe dich.

Alles andere ist niedrig; werde nicht niedrig.

Sitze immer gebeugten Hauptes im Nachdenken". Es heisst aber nach dem Text:

Wenn du den höchsten Grad wünschest, es ist eine Liebende.

Alle andern sind niedrig; werde nicht niedrig.

Immer pflegte sie zu sitzen gebeugten Hauptes im Nachdenken. S. 42 übersetzt er das Pastö-Citat:

I

..Her Umfang des Verstandes des Verständigen hat nicht erreicht" während es heisst:

Der Schluss des Verstandes des Verständigen kann nicht erreichen. So sind durchgängig alle jene Stellen unrichtig übersetzt, in

welchen das mit J^Ä „Können" zusammengesetzte Verb vorkommt weil er von demselben noch keine Kenntniss hatte.

So S. 46: LÄt**J* V" i^.}-*0"J ^lült

„die Liebenden verstehen das Geheimniss der Geliebten" es heisst umgekehrt:

Die Liebenden mit der Geliebten verstehen es.

8- 53: ^fS oty*j ».$ ^J U«

Nicht: „Bei der Erläuterung deiner Schönheit

Bin ich, Ralimän, taub gegen alle Bildung"

sondern: In dem Preise deiner Schönheit

Bin ich, Bahmän, stumm aus Höflichkeit.

S. 62 sind die Strophen:

/ »£■ ^ 4 yjA j%, &) ]h* **

übersetzt: ^ *?* ^ ^ ^slj'^Ä ^

Wenn einer auch Vater von hundert Sühnen ist, So ist er, wenn er die Söhne nicht kennt, ein Sohn und kein Vater. Die pastö Worte sagen jedoch: Wenn er Vater von hundert Söhnen wird, was that er? (i. e. Grosses) Ein Unverständiger ist der Sohn des (seines) Sohnes, nicht (sein) Vater.

S. 93: ^jij tXiL jj uiv«X« vJÜs» .yi *^s±.

Mif»^ y^r> OÜi> ö \yS> ».$ *i

Nicht: „Wenn du über eines andern Sitte Tadel aussprechen willst, So tadle erst deine eigene Sitte"

sondern: Da andere Leute über dicli Tadel aussprechen, So tadle noch vor den Leuten dich selbst. Während mein erster Aufsatz über die Verwandtschaftsverhältnisse des Pastö im Drucke war, wurde die Pastö-Literatur dureb eine neue Grammatik und Wörterbuch von Bellew bereichert'). Beide Werke führen nach der jetzigen marktschreierischen Mode vielversprechende Titel, die sie aber bei näherer Einsicht nicht verdienen. Man könnte sich durch den Titel verleiten lassen, im Wörterbuche sprachvergleichende Hinweise zu erwarten, würde sich aber bitter getäuscht finden. Die ganze Wortvergleichung beschränkt sich darauf, dass hie und da auf ein bekanntes indisches oder persisches Wort hingewiesen wird, das im Pastö vorkommt odef dessen PastöUmwandlung auf der Hand liegt. Aber das könnte und müsste mau sich am Ende noch gefallen lassen, wenn dabei nur nicht so viel Unsinn mit unterlaufen würde. Er hat von Sprachvergleichung und ihren Gesetzen rein keinen Begriff, sondern er ergreift das nächste beste Wort, das ihm in die Hände fällt, und bearbeitet es so lange, bis es das ist, was er daraus machen will. Wir wollen nur einzelne Beispiele davon hier ausheben. In der Vorrede zu seinem

Wörterbuche S. X gibt er z. B. von JJi tl-al, gehen, folgende Ety

mologie: VJL> = pers. .yS. = ratal = latal = talal = tlal! Was kann man nicht auf diese Weise alles herausbringen, da steht kein Consonant und kein Vocal mehr im Wege! Herr Bellew selbst aber scheint kein grosses Vertrauen auf seine eigene Etymologie zu haben;

denn im Wörterbuche selbst gibt er unter JJb eine ganz andere Etymologie: es soll nunmehr von dem HindüstänT LI*, abstammen! LJb^ bedeutet im HindüstänT allerdings „gehen", aber wie soll

es denn mit dem pastö jjj' zusammenhängen? Beide Etymologien sind natürlich falsch; die rechte Spur der Ableitung aber gibt das Pastö selbst an die Hand. Wir haben neben dem verbum }Ss

1) Der vollständige Titel dieser beiden Werke lautet:

A grammar <>f tlic Pukkhtij or Pukslito (sie!) on « new and imnroved System, combining brevity witli practicnl Utility and includlng exereiecs and dialogues intended to (acilitate the Requisition of the Colloqnial, by Henry Walter Hellew, Assistent-Surgeon, Bcngal Army. London, W. II. Allen & Co., 13Watorlot> Place, 1867.

Der Titel des Wörterbuches ist:

A dictionary of tlie Pukklitri or Pukslitü Langusgc, in which the words are traced to their sourees in the Indian and Pcrsian languagcs, by Henry Walter Beilew, Assistant-Surgcon, Hengal Anny. London, W. H. Allen & Co., 13, Waterloo Place. 1867.

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