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Striche oben an dem einen und der untere an dem andern sind leichte Verletzungen des Steines. Das 3 des ersten iay ist oben geschlossen und unten gerade umgebogen. Das b von *:"?,-Mw ist in dem neuen Abdrnck vollkommen deutlich: der Querstrich in der Höhe des Querstriches des p und daran ein ziemlich kleiner Strich nach unten rechts, ein langer nach oben links. Das - ist im Unterschiede von den ■> der zweiten Zeile richtig wiedergegeben. Das □ hat nicht zwei, sondern drei und zwar parallele und etwas längere Striche. Beim n schliessen die zwei oberen Querstriche an den linken, der untere an den rechten Längsstrich an. Das 3 in p ist deutlich etwas schräg umgebogen. Beide u sind nicht ganz gut gezeichnet. Das i in 'ans endlich hat ein Oehr, obschon ein sehr kleines. Das i der ersten Zeile ist kürzer als das -i, doch die i der zweiten Zeile sind dem letzteren gleich.

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Ueber die Entstehung der Schrift.

Von
L. Geiger«).

Wenn ich einer Versammlung hochgeehrter Fachgenossen das Problem der Schriftentstehung zu erneuter Untersuchung vorzulegen unternehme, so ist es nicht meine Absicht die Entstehung der Buchstabenschrift oder eines anderen ausgebildeten Systems hier vor Ihnen aufs Neue zu besprechen. Es handelt sich mir hier vielmehr am die vorgeschichtlichen Anfange der Schrift, soweit sie aus dem Gange, den ihre Entwickelung seit ihrem geschichtlichen Auftreten genommen hat, nnd aus anderen Analogien zu erschliessen sind. Nor in diesem Sinne bitte ich Sie, mir einen kurzen Ueberblick Ober das, was uns durch historische Entdeckungen Aber den Ursprung der gegenwärtig bestehenden Schriftsysteme bekannt ist, zu gestatten. Die eigentlichen Alphabete gehen bekanntlich in aller ihrer Mannigfaltigkeit von wenigen Mittelpuncten aus. Wir wissen nicht nnr im Allgemeinen, dass unsere europäischen Schriften alle der griechischen und in zweiter Linie einer semitischen entsprungen sind, sondern wir kennen durch Mommsen's Untersuchungen auch genau den Weg, auf dem sich die italischen Alphabete entwickelt haben. Nicht weniger als das cyrillische der Slaven ist das gothische Alphabet des Ulfilas griechischen Ursprungs, ja auch die Runen sind ohne Zweifel eine wahrscheinlich schon in früher Zeit über Massilia zu den Galliern und von da zu den Germanen gekommene Entwickelungsform aus derselben Quelle1). Einen semitischen Ursprung auch der indischen Devanagari hat Albr. Weber sehr wahrscheinlich gemacht, und hiermit ist ein gewaltiger Theil von Asien auf die gleiche Quelle zurückgebracht, da nicht nur die einheimischen Schriftarten Vorder- und Hinterindiens wie Bengali, Urjja, Telinga, Tamil, ferner das Birmanische und Javanische, sondern auch das Tibetanische Tochter- oder Schwestersysteme der Devanagari sind. Die Schriften der Mongolen, Tungusen und Mandschu sind, wie schon Klaproth bemerkt hat, aus der syrischen gebildet, und zwar durch Umdrehung und Annahme der scheitelrechten Coluranenrichtung der Chinesen. Rechnen wir hierzu die noch erhaltenen Schriftcharactere des semitischen Grundalphabets selbst in seinen hebräischen, äthiopischen, samaritanischen, Zend oder mittelpersischen, syrischen und arabischen Zweigen; bedenken wir ferner, dass der letztere Zweig von den Türken, Persern, Malaien, dem Hindostani adoptirt worden ist, so müssen wir über die Verbreitungsfälligkeit einer solchen Entdeckung von einem Puncte aus staunen. Lassen Sie mich nur noch der Vollständigkeit wegen die beiden jüngsten und nicht am wenigsten merkwürdigen Ausläufer unseres Alphabetes erwähnen, welche ihm nicht entlehnt, sondern bloss in Folge unbestimmter Kunde ihm nacherfunden sind: nämlich die Schrift der Tschiroki's erfunden von Sequojah um d. J. 1823, und die des Negervolkes der Vei, 10 Jahre später von Doalu Bukere. Die beiden Erfindungen bieten interessante Uebereinstimmungen dar: sowohl der indianische als der afrikanische Erfinder wurden durch den Briefverkehr der Europäer zum Nachdenken über die Möglichkeit angeregt, ihre Muttersprache zu schreiben. Beide hatten eine unvollkommene Kenntniss von dem englischen ABC; Beide stellten nicht eine Buchstaben- sondern eine Silbenschrift auf, und zwar hatte Sequojah, ebenso wie die Veischrift, Anfangs gegen 200 Schriftzeichen aufgestellt, reducirte sie jedoch in der Folge bis auf 85. Wenn wir von diesen psychologisch interessanten Erscheinungen der jüngsten Zeit absehen, so sind von sämmtlichen im Gebrauche befindlichen Schriftarten auf der ganzen Erde nur die chinesische und die aus ihr gebildete Silbenschrift der Japanesen von dem allgemeinen Ursprünge aus einem einzigen semitischen Alphabete mit Sicherheit auszunehmen. Aber die ewig denkwürdigen Entdeckungen des gegenwärtigen Jahrhunderts haben uns in der ägyptischen Hieroglyphenschrift eine überaus merkwürdige alterthümliche Parallele zu der chinesischen, in verschiedenen Arten der Keilschrift ferner sehr vollendete Alphabete, in der assyrischen eine die wichtigsten Aufklärungen versprechende Mittelstufe zwischen Wort- und Silbenschrift kennen gelehrt; und daneben steht als ein noch ungelöstes, aber nicht unlösbares Räthsel die Hieroglyphenschrift der Uramerikaner. Sind wir hiermit auf eine letzt«, radikale Verschiedenheit gelangt? Haben wir in dem dreifachen Bilderschriftsystem der Aegypter, Chinesen und Amerikaner, in dem gemischten Systeme der Assyrer und endlich in den Buchstabenschriften der Perser und Semiten mindestens sechs selbstständige Lösungen der gigantischen Aufgabe der Vereinigung des Gedankenausdruckes für das Auge vor uns? Obschon die Zeit für die bündige Entscheidung dieser Frage noch nicht gekommen ist, so kann ich mich doch nicht enthalten, die bestimmte Ueberzeugung auszusprechen, dass ein solcher sechsfacher Ursprung der wunderbarsten Kunst, die dein Menschen zu schaffen überhaupt möglich gewesen, mir undenkbar scheint; ja dass was sich mir sonst über einen uralten Verkehrszusammenhang der ganzen Menschheit als wahrscheinlich aufgedräugt hat, sogar die Verbreitung von einem einzigen Centrum nicht als unmöglich erscheinen lässt. Das Vaterland des xu so grosser Verbreitung bestimmten Alphabets ist ohne Zweifel Babylon, das wir seit Böckh als den Ausgangspunkt des durch das Alterthum verbreiteten und bis auf uns gekommenen Mass- und Gewichtssystems kennen, und dessen Bedeutung für Astronomie und Mathematik vielleicht noch immer nicht genügend gewürdigt ist. Die Namen der Buchstaben des hebräischen Alphabets sind chaldäisch; das Vorkommen des Kameeis als Name des dritten Buchstaben schliesst wenigstens das eigentliche Palästina aus. Die Phönizier können sehr wohl die Verbreiter, aber nicht die Erfinder des Alphabets gewesen sein. Mau wird, wenn auch die Mittelglieder noch nicht aufgefunden sind, nach allen Analogien schwerlich geneigt sein, an eine zweite selbstständige Entstehung der altpersischen Buchstabenschrift in räumlich so grosser Nähe zu glauben. Ist nun aber diese persische Schrift von den mit ihr zusammenhängenden Varietäten der Keilschrift, insbesondere von der assyrischen unabhängig entstanden? Sollte Aegypteu auf die assyrische Schrift nicht ebensowohl schon in der frühesten Zeit haben einwirken können, wie in einer späteren Zeit assyrischer Einfluss auf die Hieroglyphen bemerklich wird? Die Aehulichkeit des Princips der semitischen Schrift mit denjenigen Hieroglyphen, die nur den anlautenden Consonanten des im Bilde dargestellten Wortes ausdrücken, ist schon früh von Champolliou bemerkt wordenl). Auf der andern Seite haben die nach Oppert einem scythischen oder turanischen Volke augehörigon ältesten Bilder, die den Keilschriftformeu zum Grunde liegen, etwas, was wenigstens dem allgemeinen Eindrucke nach an die alte Tschuen-Schrift der Chinesen erinnert. Es liegt, im Uanzen betrachtet, Nichts vor, was eine Uebertragung einfacher Anfänge eines Schriftsystems von einem Volke und Erdtheile zum anderen in einer sehr frühen Zeit unmöglich machte. Ja, die von Alexander von Humboldt aufgefundenen Spuren eines einstigen Verkehrs zwischen Mexico und Ostasien schliessen sogar einen Uebergang der Bilderschrift bis dorthin nicht ganz aus. Da aber dies Alles einstweilen lediglich Hypothese bleiben muss, so können wir uns iudessen sehr wohl an der inneren Einheit genügen lassen, welche, soweit Überhaupt eine Schriftart eine natürliche Entwickelung gehabt hat, überall hervortritt. Es darf wohl als eine anerkannte, und nur aus Mangel an Quellen nicht immer nachweisbare Thatsache angeschen werden, dass jede Lautbeziehung aus bildlicher Darstellung entspringt. Wie jedes Element der Sprache, auch gegenwärtig ganz, abgeblasste Ableitungssilben, ursprünglich bedeutungsvoll, so ist jedes Schriftzeichen ursprünglich Bild. Aber diese Thatsache darf nicht so aufgefasst werden, als sei die Schrift aus einer Art von Malerei hervorgegangen, als seien die ersten Darstellungen Gemälde gewesen. Auch wenn wir alle seeundären Anwendungen chinesischer und ägyptischer Schriftbilder binwegdenken, und eine Zeit annehmen, wo die Schrift nur aus den sinnlichen Abbildungen von Dingen, wie Mensch, Sonne, Vogel bestand, so wird sie darum doch nicht, was Missverstand noch zum Theil bis auf diesen Tag aus den mexicanischen gemacht hat, nämlich auf die Anschauung anstatt auf den Begriff berechnete Gesammtdarst€llung eines Ereignisses. Schrift ist ein Zeichen für die Sprache, sagt schon Aristoteles , und diese Definition bewährt sich an den Hieroglyphen bis in ihren ersten Ursprung. Auch da, wo Wort und Sache zusammenfallen , ist das Bild doch nur Zeichen des Wortes; es soll Sprache wecken, an einen Laut, nicht an ein Ding erinnern, durch das Auge für das Ohr, nicht für die Vernunft unmittelbar sprechen. Die Schrift ist nicht zum stummen Betrachten da; sie will gelesen, laut gelesen sein. Die Bilder, müssen, wie die Worte zu Sätzen, nicht wie Figuren eines Gemäldes zu einer Gesammthandlung zusammengeordnet werden. Sie stellen auch das verbildlichte Wort in seinem ganzen Begriffsunifange, nicht aber nur von seiner verbildlichten Seite dar. Oder denkt man, das chinesische Bild für Sonne habe jemals das Wort shi nur in der Bedeutung Sonne, und nicht auch in der von Tag bedeutet? Dies ist ganz unmöglich. Die Menschen standen gerade in der ältesten Zeit mit ihrer ganzen Vernunft so völlig uuter der Herrschaft des Wortes, dass nothwendig ein Bild eben das, was es hiess, auch bezeichnen-, und wie es gelesen klang, auch verstanden werden musste.

*) Vorgetragen in der Generalversammlung der D. M. 6. zu Würzburg «m 3. October 1868.

1) Lautb nimmt einen umgekehrten Uebergang der germanischen Runen » den Galliern an, und gibt zugleich von der Stelle des Tacitus, die auf Untttkannlschaft der Germanen mit der Buchstabenschrift gedeutet worden ist, eine treffende anderweitige Erklärung, indem er sie auf blossen Briefwechsel

beiklit.

li ChninpolUou spricht sich schon in seiner lettre ä Mr. Darier klar hierüber aus. Er sagt: J'oserai dire plus: il seriiit possible de retrouver, dans cette ancienne ecriture phouetique egyptienne, quelque imparfaite qu'elle soit eu elleineme , sinou l'originc, du moins le modele sur lequol peuveut avoir ete calques lc» alphabcts des peuples de l'Asie oecideutale etc. Nach Ausführung der Ähnlichkeit beider Systeme kommt er zu dein Schlüsse: ,,c'est dire enfin que l'Kurope. qui recut de la vieille Egypte les Clements des sciences et des arts, lui devrait encore rinappreciable bienfait de l'ecriture alphabetique". Bd. XXlll. 11

Es ist bekannt, auf welchem Wege die Hieroglyphe zu einem Lautzeichen, ja zu einem Buchstaben heruntersinken konnte. Aber in ihrer frühesten Gestalt bezeichnet sie immer ein Wort, niemals mehr. Das Grundgesetz der Schriftentwickelung ist das allmähliche Selbstständigwerden des Lautes, während im Anfange Laut und Begriff ungeschieden dargestellt werden. Es ist selbstverständlich, dass nicht jedes Wort sogleich zur Darstellung gelangt; zuerst sind es diejenigen, deren Begriff zur Darstellung auffordert, weil er Gestaltetem entspricht. An die Wortbilder schliesst sich schon früh ein grösserer Inhalt, als in ihrer Zeichnung gemeint sein konnte welche von einem weit beschränkteren Objecte als dem Begriffs

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