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Zur Erklärung der altpersischen Keilinschriften.

Von
Dr. H. Kern in Leiden.

"I.

Die Ausgabe, welche in diesem Aufsatz benutzt worden, ist die Spiegeische, die durch Vollständigkeit, Uebersicbtliehkeit und eine höchst sorgfältige Bearbeitung sich auszeichnet. Die hier befolgte Transcription weicht aber in ein paar Punkten von der Spiegeischen ab, insofern die Buchstaben ^< und — f{ nicht mit s und j bezeichnet werden, sondern mit sh und zh. Es handelt sich hier um etwas mehr als um die Aussprache; ein wichtiges grammatisches Gesetz ist im Spiel, und deshalb werde ich ein wenig ausführlich den Beweis zu liefern versuchen, „dass im Altpersischen, ebenso wie im Bactrischen l), kein dentales * mehr erhalten war". Wenn man die alten iranischen Sprachen mit dem Sanskrit vergleicht, so sieht man, dass Altpers. ^ und Bactr. »m» oder £J? nur unter solchen Bedingungen vorkommen, welche die Lingualisiruug des urindogerm. dentalen s im Skr. zur Folge haben. Wo aber im Skr. das ursprüngliche dentale s bleibt, da findet sich in den iranischen Sprachen k, oder der Laut schwindet ganz, mit der Ausnahme, dass die Doppelconsonanten st, sie und sp in ff, fÄ und f/> übergehen, d. h. in diesem Fall Palatalisirung eintritt. Die folgenden Beispiele werden genügen, um dies vollkommen anschaulich zu machen. Aus Indogerm. stä wird Skr. sthä, Altpers. und Bactr. 5tä, unter bestimmten Bedingungen nämlich. Wo im Skr. das 8 zu sh wird, geschieht dies auch in den iranischen Sprachen; folglich ist Skr. sthäna = Altpers. Bactr. ctäna, aber tishthämi, hishtämi. Von ava + sthä ist Skr. 3 sg. Imp. Act. Caus. avästhäpayat, im Altpers. aväctaya; von adhi-(-sthä dagegen ist z. B. 3 sing. Aor. Act. im Skr. adhyashthat. Im Altpers. kommt das Compos. ni-f-cUi vor; hieraus bildet sich 3 sg. Imp. Caus. niyashtäya. Wiewohl dies vollkommen natürlich ist, so ist es doch kein Wunder, dass diejenigen, welche an einem dentalen s festhalten, diese Form nicht verstanden haben, eben weil sie von einer fal

1) Für das Bactrische ist dies schon bemerkt in: „Verslagen en Mededeelingen der Koninküjke Akademie van Wetenschappen", XI. S. 133 (Amsterdam).

sehen Voraussetzung ausgegangen sind. So sagt Spiegel (Altp. K. S. 103, in der Bern, zu K.): „Niyastäya (sie) ist und bleibt schwierig, ni-stä ist zwar richtig, aber man erwartete niyactäyam, nachdem das Aupment angetreten ist." Sehen wir, zu welchen Consequenzeu dies fuhrt. Es soll naturlich sein, dass nistä gesagt wird, d. h. dass nach dem Yocale i ein dentales s, welches ctä isolirt nicht hat, zurückkehrt. Weiter sollte es nicht zu erwarten sein, dass nach dem Yocale a dies dentale * erhalten bleibt; das a also sollte die Kraft haben zu palatalisiren, das i (und w, o etc.) sollte die Kraft haben zu dentalisiren! Nein, ist es niyashtäya mit sh, wie mau a priori zu erwarten hatte, denn aus Pänini 8, 3, 63, vergl. mit 65, lernen wir, unter Anderm, dass ni im Comp, mit stliü die Lingualisirung des s hervorruft, selbst wenn ni vom .v durch das Augment getrennt ist. Es heisst nicht nur nishtliä u. s. w., sondern auch nyashthät, adhyashthat, paryashthät u. s. w. Nun braucht man nichts weiter zu thun als das Altpers. aväytäyam zu vergleichen mit Altpers. niyashtäyam, und man wird zustimmen, dass in Betreff des Uebergangs von -i in sh genau dieselbe Regel gilt im Skr. wie im Iranischen, dass kein dentales * in niyashtäya und nishtä stehen kann, und dass es überhaupt kein s im Altpers. und Bactr. gibt.

Der Buchstabe, den Spiegel mit / (gesprochen wie englisches j) wiedergibt, verhält sich zu */*, wie eine Media zur Tenuis. In den iran. Sprachen wird das auslautendes/t, z.B. von dush, im Inlaut vor weichen Lauten, ausgenommen vor m im Bactr., und auch vor y im Altpers. gewöhnlich in zh (ausgespr. wie französisches j) verwandelt; z. B. duzhükta, duzhdäma. Statt nish + äyam sagte man im Altp. nizhäyam. Nach Spiegels Schreibweise entspräche j als Media dem s als Tenuis! Wie wir gesehen haben, ist die Sache ganz einfach.

Inschrift von Naqsh-i-Rustam, NRa).

Die erste Bemerkung gilt einer Kleinigkeit, den Gen. pl. paruv a n ä m in Z. 6 und 7 , wofür Sp. p a r u v n ä m schreibt. Was ist das richtige? Nehmen wir einmal z. B. an, dass uv im Gegensatz zn u das lange ü andeute, so lässt sich im Gen. pl. eine Doppelform parunäm und parunäm wohl erklären, denn die Casusendung ist in den iranischen Dialekten sowohl näm als anäm '). Man sagt ac_pan5m und acpänäm (d. i. agpa+anäm); aidyunäm und aidyünäm. Ganz in der Ordnung wäre also auch parünäm neben parunäm. Ja, es ist sogar nicht unwahrscheinlieh, dass im Altpers., wo bis jetzt nur änäm gefunden, gewöhnlich parünäm ausgesprochen wurde, aber dass dies eben durch die Schreibweise uv ausgedrückt ward, das ist sehr unwahrscheinlich. Denn nicht nur im Gen. pl. kommt uv vor, sondern auch inCompos.; man findet paruzana und paruvazana. Wo würde ein langes u hier herkommen? Und warum ist es denn immer vi^pazana, und nicht vicpäzana? Weiter, wenn das Altpers. u und ü in der Schrift zu unterscheiden im Stande war, so ist gar nicht abzusehn, weshalb man immer bumi „Erde" schrieb, und nicht buvmi. Mir scheint es viel wahrscheinlicher, dass paru und paruva gleichberechtigte Nebenformen, identisch mit dem Griech. noi.v und noXXo (d. i. noXvo), welche auch unter sich wechseln. — Was Spiegel besonders veranlasst hat, in uv ein langes w zu sehen, ist die Form des 2ten Personalpron. im Nom. „Man sehe nicht ein", so äussert er sich, „warum in tuvam das v die aspirirende Kraft, die ihm nach § 27 zukommt, im Nom. nicht üben sollte, wohl aber im Acc." Die Antwort liegt auf der Hand. In der Keilschrift bezeichnet ja uv sowohl Skr. va, Griech. Fa, Fo, Fi, als Skr. uva (mundartlich Vedisch ua), Griech. vo (z. B. in 8vo). In tuvam ist es kein v, kein Halbvocal, sondern ein u, was auf das t folgt; dagegen in thuväm ist es der Halbvocal; nur dieser hat ja aspirirende Kraft. Der Grund, dass in tuvam = Ved. tu am (mundartlich auch: tuvam) der Vocal geblieben, doch in thuväm = Skr. tväm der Halbvocal eingetreten ist, muss in Verschiedenheit der Betonung gelegen haben. Gerade wie in Svo der Vocal sich erhalten hat, weil der Ton darauf fallt, aber in SymSexa, in ÖFig der Halbvocal eingetreten, weil der Accent nicht auf dem v ruhte, so muss auch im Altpers. tuvam aus tu am, und thuväm aus tuam sich entwickelt haben. Dass man in der Zeit des Darin* das a noch ganz deutlich ausgesprochen habe, will ich nicht behaupten; es mag schon tuvem, aber doch zweisilbig gelautet haben, während im Bactrischen auch tuem verschwunden und in tum zusammengezogen ist. Ein lehrreiches Beispiel dafür, wie die Halbvocalisirung schon vor der Spiachtrennung zwar augefangen hatte, doch erst nach der Trennung sich in den verschiedenen Sprachen vollständig und selbständig entwickelte, ist das Bactr. vidaeva (d. h. ursprünglich vldaiua, mit Accent auf vi), dessen Acc. vidoyüm aus älterem vidoiugm1) entstanden. Ein andres merkwürdiges Beispiel ist Altp. Haraivam (urspr. haraiuam) = Bactr. Haroyüm, aus haroiuem.

1) Im Sanskr. ist die Endung »n&m; z. B. buhflnam steht für bahna"" m; agnin&m für ugn i'anäm. Oerade so ist im Dual bahü, agn! entttanden aus bahua, agnia, mit Suffix a, — Orict-li. c (o nur in Svo). So steht bbarati für "tia = Gr. ytooftirt; °ushi = vi«. Deshalb Gen. °tyas, d. h. "tia -J- Gen. Suff. as.

1) Die Bezeichnung von Bactr. ty durch 6 (lang) ist unrichtig, d» es schlechterdings unmöglich ist, dass aus ai (Skr. e, Griech. oi) ein öi entstehe; z. B. Skr. bharet, yigoi kann nicht zn barnit stimmen, wob) zu b.iroit. Dass im Skr. o ans as lang ist, beweist nichts für das Bsctr. , welches vielmehr in diesem Fall auf der Stufe des Prakrt steht. In l'cbercin»timmung mit dem aus baroit gefundenen Resultate ist es, dass im Altpers. die Eudang as vertreten wird durch kurzes a.

In Z. 7 kommt der Acc. framätaram „Gebieter" vor, wofür sonst framätaram. Erstere Form hat nichts überraschendes, wenn man bedenkt, dass auch im Griechischen sowohl yeverrJQa als y«vkroga u. dgl. bestellen.

Einige Schwierigkeit macht das Wort in Z. 19, welches Spiegel mit patiyakhsaiy transcribirt. Die Stelle, von Z. 16 ab, lautet:

vashnä Auramazdähä imä dahyäva tyä adam agar

bäyam apataram haeä Pär;ä; adam shäm patiyakh

bhaiy (?), inanü bäshim abara(Qtä). D. i. nach Spiegel: „Durch die Gnade Auiamazdas sind es diese Länder, welche ich ergriff ausser Persieu, ich überwache sie, sie brachten mir Tribut." — Ausführlich handelt Spiegel über das fragliche Wort (S. 103), wo er die Meinungen Kawlinsons, Opperts und Bollenseus mittheilt. „Oppert leitet das Wort von khsi regieren, componirt mit der Präp. patiy her. „Seuleraent", fährt er fort, l'imparfait de pati-khsi se dirait plus regulierement patiyakhsiyaiy (sie!); il faut alors admettre une inexaetitude du graveur, ou, ce qui est meine plus vraisembable, uue legere irregularite de la grammaire persane." Wir wollen eiu Mal sehen, ob die ausgesprochene Vennuthung haltbar sei. Im Sanskrit gibt es ein kshi, ksheti, also 2ter KI,, und ein kshi, kshayati, also lter KL; über die Bedeutung später. Das Imperf. von kshayati ist, in 1 sg. Med., a+ksbaya+i, also akshaye, was Persisch wäre akhshayaiy, und nicht akhsiyaiy, wie Oppert meint. Dagegen ist die 1 sg. Imp. Med. von ksheti im Skr. a+kshi+i, was wegen der Doppekonsonanz vor dem auslautenden Vocale akshiyi (st. aksliyi) ergibt. Dies wäre Persisch akhshiyi, vorausgesetzt, dass in dieser Sprache ganz dieselben Gesetze in Bezug auf Halbvocalisiruug herrschten als im Skr. Wir wissen aber, dass nicht in allen Stücken diese Gesetze identisch sind. Da nun aus der ursprünglichen Form a+kshi-f-i, abgesehn von der speciellen Sanskritregel, vollkommen regelmässig akshi werden kann, und da in der Keilschrift i und i beides durch iy ausgedrückt wird, so sind wir berechtigt patiyakhshiy für eine regelmässige 1 pers. sg. Imperf. Med. von patiy + khshi zu halten 1). Jetzt bleibt aber eine Schwierigkeit in der Bedeutung, denn eben kshayati ist „herr

1) Die 1 sg. Med. im Imperf. und Aor. hat im Altpers., wie im Skr. i, geschrieben iy. Allerdings könnte dies auch als iya gelautet haben, besonders da im Skr. der Optativ die volle Endung iya statt % noch erhalten hat. Wie dem auch sei, es kommt hier nur darauf an zu zeigen, dass die Endung iy, sei die Aussprache i oder iya oder Beides, die der 1. sg. der sogenannten historischen (eigentlich aber der ursprünglichen) Tempora ist. Sie kommt auch vor in adarshiy in Inschr. I, Z. 8. Spiegel schreibt adarsaiy, hält es Tür 1 sg. Praes. Med. von a4-darsh, und übersetzt es trotzdem mit „unterworfen halten". Da nun darsh=Skr. dharsh „wagen" ist, kann a + darsh nicht „unterworfen halten" bedeuten. Adarshiy ist eine regelmässige 1 sg. Aor. Med von dar „halten", gebildet wie Skr adhrshi, akrshi u. s. w.; 2 sg. adhrthäs; 3 adbrta.

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