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Die Basis der Entzifferung der assyrisch-babylonischen Keilinschriften.

Geprüft von

Prof. Dr. Eberh. Schrader in Zürich.

Das laufende Jabr hat uns einen Expose des elements de la grammaire Assyrienne von Joach. M6naut gebracht1). Diese assyrische Grammatik ist nicht die erste ihrer Art. Schon vor mehreren Jahren ist die Sprache der ninivitischen Denkmäler Gegenstand einer grammatischen Behandlung gewesen2), auf welche hin auch bereits eine Prüfung derselben bezüglich ihres semitischen Charakters augestellt ist 3). Diese Prüfung ist durchaus zu Gunsten des Semitismus derselben ausgefallen. Woher nun trotzdem noch die auffallende Zurückhaltung der semitischeu Philologen in Anerkennung des Semitismus der Sprache der Keilinschriften dritter Gattung und die grosse Scheu, von den durch die Entzifferung gewonnenen historischeu und sonstigen Resultaten Anwendung zu machen? Gewisse allgemeine Voraussetzungen bezüglich der Natur dieser Sprache sind diese Ursache schwerlich, wenigstens schwerlich allein. Der Grund dieser eigentümlichen Erscheinung dürfte tiefer liegen. Der Grund dürfte kein anderer und kein geringerer sein, als der Zweifel an der Solidität der Entzifferung selber. Dass die vou Oppert und Menant beschriebene Sprache eine semitische sei, wird schwerlich auf die Dauer beanstandet werden. Was man bezweifelt, ist offenbar, ob die hier beschriebene Sprache wirklich auch die Sprache sei, welche in den Keilinschriften dritter Gattung d. i. in den assyrisch-babylonischen Keilinschriften enthalten ist. Worüber man nicht sicher ist, ist: in wie weit die Entzifferung dieser Keilschriftgattung und ihrer Sprache auf gesunden, wissenschaftlichen Principieu beruhe; in wie weit dieselbe als eine zuverlässige könne angesehen werden. Diese Frage ist allerdings nicht damit beantwortet, dass man kurzer Hand auf jene seltsame Probe hinweist, die vor einem Decennium auf Veranlassung der Entdeckung des Cylinders Tiglath-Pilesers I. durch den Vorstand der asiatischen Gesellschaft zu London angestellt wurde und die ein scheinbar so überraschendes Resultat geliefert '). Denn wie bereits von anderer Seite mit Recht hervorgehoben wnrde *), ist der Umstand, dass wissenschaftliche Männer, die im Wesentlichen von den gleichen Principien ausgehen, in ihren Resultaten schliesslich im Allgemeinen zusammentreffen, noch keine Bürgschaft dafür, dass nun diese Principieu selber wohl begründete, die Ausgangspunkte der Untersuchung selber die richtigen seien. Von grösserem Gewichte und weit überzeugender würde nun freilich schon ein anderer Umstand sein, die merkwürdige Thatsache nämlich, dass auf Grund der Keilinschriftenlesung eine mit den Keilinschrilten selber in gar keiner inneren und unmittelbaren Beziehung stehende Entdeckung gemacht ward 3). Allein zu sehr ist man doch hier wieder auf die Gewissenhaftigkeit und Treue des Berichterstatters angewiesen, als dass auch ein solches Zusammentreffen den Zweifler völlig überzeugen könnte. Und wie wenig faktisch auch solche äussere, sinnlich greifbare Beweise zu überzeugen im Stande sind, lehrt in eben diesem Jahre der Ausspruch eines Mannes, der uns allen als ein scharfer Kritiker des Rühmlichsten bekannt ist, und welcher dahin lautet: „es sei bis jetzt ausser Eigennamen nur von gar wenigem Ton und Sinn enträthselt, und alles Lesen und Verstehen zusammenhängender Originaltexte beruhe auf Täuschung" 4). Hiernach kann es nicht zweifelhaft sein, um was es sich dermalen handelt. Es gilt, die Basis der bisherigen Entzifferung der in Rede stehenden Keilinschriften überhaupt zu untersuchen. Erst wenn diese Basis als eine solide erfunden ist, wird auch eiue nähere Prüfung des Wesens der entzifferten Sprache genügend gerechtfertigt sein; wird einer solchen Prüfung, ist sie anders mit der nöthigen Sorgfalt und Unbefangenheit angestellt, Ueberzeugungskraft zukommen. Eine solche Untersuchung der Grundlagen der Entzifferung der assyrischen Keilschrift ist nun freilich schon einmal vorgenommen worden und zwar auf Veranlassung des Erscheinens des grossen Oppert'schen Werkes: Exp6dition en Mesopotamie t. II (dechiffrement des inscriptions cuneiformes) l). Das Resultat derselben ist keineswegs ein gänzlich negatives; dass namentlich die Entzifferung des assyrischen Alphabetes oder vielmehr Syllabariums eine in allem Wesentlichen gesicherte sei, wird von dem Kritiker nicht beanstandet , und auch sonst wird an der richtigen Lesung dieses oder jenes Wortes nicht gezweifelt. Und wenn Renan wiederholt zur Vorsicht und einem ruhigen und besonnenen Fortschreiten auf diesem dornichten Terrain ermahnt, so können wir ihm auch darin nur vollkommen beistimmen 2). Im Uebrigen aber können wir nicht finden, dass seine Prüfung eine genügend unbefangene und umsichtige gewesen sei. Es fehlte Renan augenscheinlich an der erforderlichen Sachkenntniss. Nur daraus ist es zu erklären, dass derselbe an Dingen Anstoss nimmt, die Niemandem, der sich nur etwas näher mit dieser krausen Schrift vertraut gemacht hat, ernstlich Bedenken erregen können. Schon danach wird eine erneute Untersuchung der Frage als kein unzeitgemässes Unternehmen erscheinen. Zudem ist das Decennium, das zwischen der Conception jener Artikel im Journal des Savants und der Gegenwart zwischen inneu liegt, für die Assyriologie (um diesen Ausdruck zu gebrauchen) nicht ein verlorenes gewesen. Ein weit reicheres Material als noch vor zehn Jahren steht jetzt dem Kritiker zu Gebote. Eine Prüfung, wie sie durch die noch immer auftauchenden Zweifel gerechtfertigt ist, verspricht, wird sie anders mit der erforderlichen Unbefangenheit unternommen, nicht ohne Erfolg zu bleiben. Wir sind der Ansicht: die Sache selber ist spruchreif, und es kommt nur darauf an, den Prozess gehörig zu instruiren.

- 1) J. Menant, expose des elements de la giHinmaire Assyrienne. Paris. 1868.

2) J. Ojipert, elements de la ^raminairc Assyrienne. Paris 1800. (Abdruck aus dem Journ. Asiat. 1800. t. XV).

3) J. OMunmen, Prüfung der in den assyrischen Keilinscliriften enthaltenen semitischen Sprache. (Abhandlungen der Berl. Akad. der Wiss. aus d. J. 1864. 8. 475-496.)

Bd XTIH. 22

1) S. den ISericM im Joiirn. of the Roy. As. Soc. XVIII. S. 150—219.

2) Von Ewald in den Gott. Gell. Anw. 1860. S. 1927. Vgl. E. Renan im Journ des Savants 1859. S. 364.

3) Die Auffindung eines assyrischen Denkmals an einem Quellarm des Tigris. 8. Q. Rawlingon, history of the five great monarchies of the nncient eastern world. Lond. 1862 ff. II. S. 331 f. 336. 339 f.

4) Dr. Hitzig in Schenkels Bibel-Lexikon I. S. 339. Zu vgl. damit desselben Eröffnungsrede, gehalten zu Heidelberg 1865. (In dies. Zeitscbr. XX. S. VIII t>

Wir gedenken nun aber unsere Untersuchung in der Weise vorzunehmen, das wir in erster Linie die Möglichkeit einer Entzifferung der assyrisch-babylonischen Keilschrift ins Licht setzen; sodann zweitens auf die eigenthümlicheu Schwierigkeiten gerade dieser Entzifferung aufmerksam machen; darauf an einem gegebenen Texte die Methode der Entzifferung darlegen und ihre Zuverlässigkeit prüfen, um endlich zum Schlüsse noch auf einige allgemeinere Punkte einzugehen, welche bei der Entzifferung dieser Art von Keilinschriften in Betracht kommen, beziehungsweise einige Bedenken zu erörtern, welche bezüglich der bisherigen Versuche geäussert wurden.

I.

Gilt es eine bislang völlig unbekannt gewesene Schrift zu entziffern, so fragt es sich vor Allem aus: welches sind die Hülfsmittel, welche dem Entzifferer zu Gebote stehen und kraft deren Benutzung eine erfolgreiche Inangriffnahme des Entzifferungsgeschäftes überall zu erwarten ist. Der Entzifferer der assyrischbabylonischen Keilschrift ist hier bei Weitem im Vortheil gegenüber den einstigen Entzifferern der persischen Keilschrift. Waren diese, war insonderheit G. F. Grotefeud seiner Zeit rein auf sich selber und seine eigenste Combination angewiesen, so hat der Entzifferer der assyrischen Keilschrift den bedeutenden Vorsprang, dass ihm eine Uebersetzung des zu entziffernden Textes zu Gebote steht — nämlich eben in den persischen Keilinschriften, welche bei den dreisprachigen Inschriften das Original sind, nach welchem wie die Keilinschriften zweiter, so auch diejenigen dritter Gattung, also die in Rede stehenden assyrisch-babylonischen Keilinschriften angefertigt wurden. Diese persischen Keilschrifttexte sind nicht nur vollständig entziffert, sondern auch (bis auf Einzelheiten) sicher erklärt. Da nun in diesen persischen Texten nicht weniger als 90 Eigennamen vorkommen, von denen zu vermutheu, dass sie auch in den babylonischen Texten werden wiedererscheinen, so leuchtet ein, dass eine Vergleichung der Eigennamen in den persischen Texten mit denjenigen in den babylonischen bezüglich der Schrift dieser babylonischen Texte ein ziemlich sicheres Resultat in Aussicht stellt. Mehr freilich lässt sich vorab nicht behaupten. Denn es wäre ja immerhin der Fall denkbar, dass die Eigennamen in dieser Schrift anders d. h. auf eine ganz verschiedene Art und Weise geschrieben wären, als die übrigen Wörter, als die sogenannten Appellative n. s. f. Es wäre ja z. B. denkbar, dass ein Eigenname durch eine nur i h m zukommende Combination von Keilen geschrieben wäre, also dass die Eigennamen hier das wären, was mau Monogramme nennt. Wesentliche Bedeutung hätte indess eine solche Eigentümlichkeit nur dann, wenn durchgehends und ständig diese Schreibweise der Eigennamen herrschte. I.iesse sich dagegen auf Grund irgend einer Combination darthun, dass die Eigennamen ausser dass sie monogrammatisch geschrieben wären, auch uoch irgendwie phonetisch (durch Buchstaben- oder Silbenschrift) ausgedrückt seien, so würde dennoch diese Vergleichung der Eigennamen eine sehr erfolgreiche sein können, da, dass in diesem Falle die appellativischen Wörter nicht sollten phonetisch oder wenigstens nicht überwiegend phonetisch geschrieben sein, von vornherein wenig Wahrscheinlichkeit haben würde.

1) Von Renan im Journ. des Savants 1859. S. 165—186. 214 — 260. 360—368.

2) Vgl. auch Ewald in den Gott. Gell. Anzz. 1858. 8 190 «f.

Der Entzifferer ist indess auf dieses Hilfsmittel allein nicht angewiesen, wenn auch allerdings dieses stets das vorzüglichste bleiben muss, da die noch weiter namhaft zu machenden mit jenem erstem den Vergleich bei weitem nicht aushalten können. Bekanntlich finden sich wie die persischen so auch die assyrischen Inschriften vielfach unter, über, neben oder auf Bi hl werken eingegraben, welche irgend ein Ereigniss: die Eroberung einer Stadt; die Erbauung eines Palastes; die Vollziehung einer Execution oder sonst irgeud eine Handlung oder Gegenstand darstellen. Es steht in einem solchen Falle von vorn herein zu vermuthen, dass die auf der gleichen Platte u. s. f. sich befindende Inschrift anf das bildlieb Dargestellte sich beziehe. Gilt es also eine Inschrift zu entziffern, so wird dem Entzifferer die bildliche Darstellung vielfach ein Leitstern sein können. Ein Beispiel. Auf dem bekannten kleinen Obelisk aus schwarzem Basalt findet sich unter anderm eine Sceue dargestellt, wie ein Mann mit frappant jüdischen Gesichtszügen vor dem assyrischen Könige kniet, hinter ihm Leute mit allerlei Geschenken. Ueber dem Bilde steht eine Inschrift, Dass dieselbe auf die dargestellte Scene sich beziehe, steht von vornherein zu vermutlieii. Da die vier ersten Zeichen der Inschrift: C:f ^jf/f —^~f 'y auch an der Spitze der anderen gesondert stehenden Inschriften sich finden, so leuchtet ein, dass diese Zeichen nicht den Eigennamen enthalten können. Der Eigenname muss vielmehr erst von dem vertikalen Keile f an folgen. Führt nun das Bild auf einen tributbringenden jüdischen König oder seineu Abgesandten, und sind uns von den folgenden Zeichen: ^^ f| ^ifff^: f| mehrere oder alle schon sonst bekannt, so wird die Lesung Ja-hu-a und die Combination dieses Namens mit dem des israelitischen Königs Jehu sich mit solcher inneren Notwendigkeit ergeben, dass der Entzifferer auf Grund dieses Resultates sofort zuversichtlich weitere Schritte vorwärts thnu wird. Wir zweifeln nicht, dass bei der Entzifferung des in Rede stehenden Namens (dessen Entdeckung bekanntlich seiner Zeit viel Staub aufgeworfen hat) wesentlich auch jene bildliche Darstellung mit behilflich gewesen ist.

Wie nun aber schon aus dem angezogenen Beispiele erhellt, kann eine solche bildliche Darstellung nur dann für die Entzifferung einen erspriessliehen Nutzen gewähren, wenn der Entzifferer zugleich sonstige geschichtliche chronologische Daten u. s. f. combinirt. Und damit kommen wir auf das letzte der dem Keilschriftentzifferer zu Gebote steheudenHilfsmittel: nämlich das der freien geschichtlichen, chronologischen, sprachlichen Combination. Bekanntlich ist es lediglich auf Grund einer solchen reinen Combination dem ersten Entzifferer eines in Keilschrift geschriebenen Wortes gelungen, einen Königsnamen in einer Achämenideninschrift zu lesen '). Es leuchtet aber ein, dass gerade dieses Hilfsmittel immer ein sehr unvollkommenes und unzuverlässiges, leicht irre führendes und darum nur mit äusserster Vorsicht in Anwendung zu bringendes ist. Sehr leicht kann sich Jemand durch eine einseitig subjeetive, der Tliatsache zu wenig Rechnung tragende Combination ein erfolgreiches Arbeiten auf diesem Gebiete überall von vornherein unmöglich machen. Gesetzt z. B. den Fall, die Sprache der assyrisch-babylonischen Keilinschriften wäre faktisch eine indogermanische; nun aber ginge ein Entzifferer auf Grund der irgendwie sonst ihm subjektiv feststehenden Meinung an die Entzifferung, die Sprache der Inschrift sei vielmehr eine semitische, so leuchtet ein, dass eine solche An

1) S. den Bericht GrotefciuVa im Anhange zu Heeren'« Ideen IM I.

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